Dem demografischen Wandel begegnen

Eine Frage der Solidarität in der Gesellschaft

(pm). Wir werden alle immer wird älter: welche Aufgaben bringt das für Politik und Gesellschaft ? Dazu diskutierten am vergangenen Donnerstag in der Filharmonie Experten mit den Gästen einer gut besuchten Veranstaltung. Eingeladen hatten der Nürtinger Bundestagsabgeordnete Rainer Arnold (SPD) und sein Kollege, der rentenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Anton Schaaf (SPD). Auf dem Podium saßen neben den Abgeordneten auch Roland Sing, Vizepräsident des Sozialverbandes VdK und Vorsitzender des Landesseniorenrates Baden-Württemberg und die Leiterin der Abteilung "Bevölkerung und Kultur" im Statistischen Landesamt, Barbara Sinner-Bartels. Die Moderation übernahm Stadträtin Karin Selje.

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Rainer Arnold erinnerte in seinem Eingangsstatement daran, dass es mit dem Generationenvertrag einen wichtigen Vertrag in unsere Gesellschaft gibt, der nie schriftlich fixiert worden sei, aber gleichwohl die Basis einer solidarischen Gesellschaft darstelle. „Das Vertrauen in diesen Vertrag ist allerdings angesichts des demografischen Wandels erheblich geschrumpft“, so Arnold. Darauf müsse die Politik reagieren, damit die sozialdemokratische Ur-Idee, dass die Jungen für die Älteren , die Starken für die Schwachen sorgen, auch weiterhin gelten könne.

Dass die Menschen sich auf Veränderungen einstellen müssen, machte die Statistikerin Sinner-Bartels anhand verschiedener Daten deutlich. Durch sinkende Geburtenraten und steigende Lebenswartung gäbe es immer mehr Hochbetagte, d.h. über 80-Jährige. Seit 2000 gäbe es immer mehr ältere als jüngere Menschen in Baden-Württemberg. Damit müssten zukünftig die Erwerbstätigen für immer mehr Nicht-Erwerbstätige sorgen. Derzeit sei davon auszugehen, dass die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in Baden-Württemberg bis 2031 um 51 Prozent steigen wird. Sinner-Bartels verwies aber auch darauf, dass die Veränderungen nicht plötzlich kämen. Verwaltung, Gesellschaft und Politik könnten sich somit darauf einstellen.

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Der Vizepräsident des VdK, Roland Sing, ging auf die Fähigkeiten älterer Menschen ein. Die Gleichung „Alter gleich Krankheit“ gelte heute längst nicht mehr. Viele äl-tere Menschen seien fit und wollten ihre Erfahrung in die Gesellschaft einbringen. „Wo sind wir denn, dass wir diese Erfahrung einfach wegkippen“, fragte Sing. Sinnvolle Wege zum Umgang mit dem demografischen Wandel seien z.B. altersgerechte Bildung und Arbeit, wozu auch die Arbeitszeit gehöre. Leider gäbe es noch keine Kultur, in der ältere Menschen von sich aus aktiv würden. Daher sei es wichtig Strukturen zu schaffen, um Ältere einzubinden, z.B. durch Fähigkeiten bei der Benutzung des Internets. Auch in der Frage der Pflege, gebe es Handlungsbedarf. Die Frage der Pflege in einer älter werdenden Gesellschaft sei eine Frage der Soli-darität. Sing forderte zudem, Politik dürfe nicht nur auf Wählerstimmen schielen und erntete damit Spontanapplaus.

An die Vorträge schloss sich eine lebhafte Diskussion zwischen Experten und Publikum an. Gefordert wurde etwa, die Finanzierung der Sozialsysteme nicht nur an den Faktor Arbeit zu koppeln. Weiter wurde die Frage gestellt, ob mit Zuwanderung manche der Probleme bewältigt werden könnten. Statistikerin Sinner-Bartels verneinte dies, da im Jahre 2060 1,7 Millionen weniger im erwerbsfähigen Alter wären und derzeit jährlich gerade einmal 17.000 Menschen nach Baden-Württemberg zögen. Auch die schlechte Bezahlung in der Pflege war Thema. Laut Roland Sing müsse Arbeit einen anderen gesellschaftlichen Wert erhalten, was sich auch in einem höheren Einkommen der Pflegenden ausdrücken müsse.

 Gastgeber Arnold sagte in seinem Fazit, man sehe an der Diskussion, dass es Lösungen für die aufgezeigten Probleme gäbe. Zu ihrer Durchsetzung brauche es aber einigen Druck auf die Politik – in der Diskussion und an der Wahlurne.

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