Over de Grens - der Freiheit verpflichtet

Mein Urgroßvater Karl Völker (1880-1949)

Wenn meine Großmutter Käthe vom "roten" Urgroßvater Karl erzählte, mahnte sie mich zugleich, nie in die Politik zu gehen. Dieser Rat war halbherzig, schließlich erzählte sie mit Recht nicht ohne Stolz von Karl Völker. Gehörte er doch zu den vielen heute vergessenen, die damals in der Arbeiterbewegung engagiert, mit großem Mut der Diktatur des Nationalsozialismus Widerstand leisteten. So ist mir mein Urgroßvater bis heute als Vorbild lebendig geblieben, ist die Erinnerung an ihn für mich zugleich Ansporn und Verpflichtung für mein politisches Engagement in der SPD.

Karl Völker, 1880 in Bad Ems geboren, kam, nachdem die Familie einige Zeit in Weyer gelebt hatte, mit seinen Geschwistern 1894 nach Hamborn. Dort erwarb er sich nach 1918 in der Arbeiterbewegung des Ruhrgebietes den Ruf als "roter General" von Hamborn.

In Bergarbeiterversammlungen warnt er schon früh (1923) vor den Gefahren des Faschismus. Während des Nationalsozialismus ist er wesentlich an illegalen Widerstandsaktionen der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) im Raum Duisburg Hamborn und im Ruhrgebiet, an dem grenzüberschreitenden Widerstand von Deutschen und Niederländern beteiligt. 1933 wird er wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" verhaftet, zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt und in allgemeine Schutzhaft genommen. Bei seiner Haftentlassung 1935 gelang es ihm, die Anklageschrift gegen die SAP-Mitglieder-Duisburg aus dem Zuchthaus Lüdringhausen zu den SAP-Exilleitungen nach Amsterdam und Paris herauszuschmuggeln. Dank dieses Beweismaterials konnten im Ausland, u.a. durch Willy Brandt in Oslo, Hilfs- und Solidaritätsaktionen für die Betroffenen und ihre Familien unternommen werden. Einer erneuten drohenden Festnahme konnte sich Kalr Völcker 1937 durch die Flucht nach Amsterdam entziehen, wo er Leiter der SAP-Exilgruppe wurde. Auch sein jüngster Sohn Erich Völker, geb. 1919, engagierte sich in der SAP-Gruppe Duisburg als Grenzkurier bis zu seiner Flucht 1937 in die Niederlande und war im Exil für die SAP-Auslandsgruppe in Amsterdam und Stockholm aktiv. Er lebt heute in Schweden.

Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in die Niederlande, schloß sich Karl Völker 1940 unter den Tarnnamen "Kees oder Om Kees" der niederländischen Widerstandsbewegung an. Er starb 1949 in Amsterdam. Auf dem Friedhof Westerfeld ehrten ihn für seine Verdienste im gemeinsamen Kampf gegen den Nationalsozialismus Vertreter der niederländischen Widerstandsorganisation "Hervormdegroep 2000", deren Mitglied er war. Mit ihm wurden all die SAP-Mitglieder gewürdigt, die als Folge des grenzüberschreitenden Widerstandes und der sich anschließenden Verfolgungen ihr Leben verloren haben.

An den grenzüberschreitenden Widerstand der SAP-Duisburg und ihrer holländischen Freunde erinnert dankenswerter Weise die von Adolf Graber und Manfred Tietz 1999 herausgegebene Dokumentation, "Over den Grens..." Grenzüberschreitender Widerstand und niederländische Unterstützer. Eine Fallstudie zur Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) im Raum Duisburg.